Tausende suchen weiterhin nach ihren Vorfahren

Nach Förderzusage des Bundes setzt der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes seine Arbeit fort

Berlin/Kiel. Noch heute gehen beim Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) jedes Jahr tausende Suchanfragen von Menschen ein, die Aufklärung über das Schicksal ihrer Angehörigen verlangen – Väter, Mütter, Geschwister, die infolge des Zweiten Weltkrieges oder aufgrund von Flucht und Vertreibung vermisst werden. Eigentlich sollte die Arbeit des Suchdienstes zum Zweiten Weltkrieg Ende 2023 auslaufen.

Das Bundesministerium des Innern hat jetzt entschieden, die finanzielle Förderung des DRK-Suchdienstes zum Zweiten Weltkrieg bis Ende 2025 fortzusetzen. „Wir begrü.en diese Entscheidung sehr, es ist eine Geste der Humanität“, so DRK-Präsidentin Gerda Hasselfeldt.

Rückkehr von deutschen Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion: Heimkehrer sehen sich beim Bildsuchdienst im Lager Friedland im Herbst 1955 Bildlisten mit Porträts noch vermisster Personen an. Foto: DRK

Es geht um Anfragen wie die von Heidi Büttner: Das Schicksal ihres im Zweiten Weltkrieg vermissten Vaters Waldemar Jahr hat die heute 81-Jährige über die vielen Jahrzehnte hinweg nie losgelassen. „Waldemar Jahr war Feldwebel bei der motorisierten Truppe und geriet am 10. Mai 1945 in der Slowakei in russische Gefangenschaft.“ So steht es in gut leserlicher Handschrift auf einer Postkarte, die Büttners Mutter Ilse Jahr im November 1947 an den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes geschickt hat.

„Wir haben immer gebetet, dass Vater wiederkommen soll, und ich habe nachts auch oft von ihm geträumt. Als Kind hat man immer gehofft, er kommt noch“, erinnert sich die gebürtige Berlinerin Heidi Büttner, geborene Jahr. Die Hoffnung auf ein Wiedersehen hat sich nie erfüllt, die innere Unruhe bei Büttner aber auch nie gelegt. Nach dem Fall der Mauer und des Eisernen Vorhangs hat sie im Jahr 1995 eine erste Suchanfrage an den DRK-Suchdienst gestellt – vergeblich.

Nach einem erneuten Anlauf hatte Heidi Büttner mehr Glück. Am 9. Oktober 2019 – fast 75 Jahre nach Kriegsende – erhielt sie vom DRK-Suchdienst ein Schreiben, das Klarheit brachte: Aus russischen Archivbeständen ging hervor, dass Waldemar Jahr als Kriegsgefangener im Spezialhospital Nr. 1631 in Subowa Poljana in Russland – südlich von Moskau gelegen – registriert war und dort bereits am 18. September 1945 an Dystrophie gestorben ist: Wie bei vielen anderen deutschen Kriegsgefangene waren Hunger und Unterernährung die Todesursache.

„Mir ist jetzt leichter ums Herz“

Heidi Büttner weiß jetzt auch, dass ihr Vater auf einem zum Spezialhospital „dazugehörigen Friedhof im Quadrat Nr. 2, Grab Nr. 28“ am 20. September 1945 bestattet wurde. Eine Kopie der noch erhaltenen russischen Kriegsgefangenenakte bekam sie mitgeliefert. Was ging ihr durch den Kopf, als sie den Brief des DRK-Suchdienstes in den Händen hielt? „Ich war erstmal platt. Ich habe mich gefreut, als die Nachricht eintraf. Es war eine verhaltene Freude, die Nachricht musste erst ankommen, es dauerte Tage“, erzählt sie. „Mir ist jetzt leichter ums Herz. Ich kann jetzt anders an meinen Vater denken.“

Solche Koffer mit Arbeitsmaterialien des Suchdienstes sind in allen Kreisauskunftsbüros des Suchdienstes zu finden. Foto: DRK

Mit der Zusage fördert das Bundesinnenministerium den DRK-Suchdienst nun mit rund 11 Millionen Euro jährlich. Aktuell sind 25 von 98 Mitarbeitern in der Schicksalsklärung Zweiter Weltkrieg für den DRK-Suchdienst tätig. Der Bund finanziert zudem ein Forschungsprojekt des Instituts für Zeitgeschichte in München zur Geschichte des Suchdienstes des DRK: Von unzähligen Menschen fehlte nach dem Zweiten Weltkrieg jede Spur.

Der Suchdienst konnte, auch dank seiner internationalen Vernetzung, für Millionen Deutsche Gewissheit um den Verbleib von Verwandten schaffen. Das Forschungsprojekt des Instituts für Zeitgeschichte München betrachtet die Geschichte dieser Personen und der Organisation, die sich seit Kriegsende die Klärung des Schicksals der Vermissten zur Aufgabe gemacht hat. Allein im vergangenen Jahr gingen insgesamt 10.091 Anfragen zu Vermissten des Zweiten Weltkriegs beim DRK-Suchdienst ein.

„Das Interesse an dem Schicksal ihrer im Krieg oder durch Vertreibung vermissten Angehörigen besteht in vielen Familien ungebrochen fort. Die Informationen des DRK-Suchdienstes schaffen für viele nach jahrzehntelangem Warten Klarheit, was mit ihren Angehörigen passiert ist“, so Hasselfeldt.

Die zentrale Anlaufstelle des DRK-Suchdienstes Schleswig-Holstein befindet sich in Kiel und ist unter der Telefonnummer 0431 / 5707- 116 erreichbar. Mehr Infos zum Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes finden sich im Internet auf www.drk-suchdienst.de.

Kurz & Knapp: Der DRK-Suchdienst

Vermisste zu suchen, gilt als eine humanitäre Aufgabe des Roten Kreuzes, seit der Rotkreuz-Begründer Henry Dunant imm Jahr 1859 auf den Schlachtfeldern von Solferino Nachrichten verletzter und sterbender Soldaten entgegennahm und Angehörige  informierte. Der DRK-Suchdienst klärt die Schicksale der Vermissten des Zweiten Weltkriegs und sucht nach Menschen, die infolge aktueller bewaffneter Konflikte und Katastrophen weltweit von ihren Angehörigen getrennt worden sind. 2019 erreichten den DRK-Suchdienst 10.091 Anfragen nach Auskünften über den Ver-bleib und die Schicksale kriegsvermisster Angehöriger, in etwa 20 Prozent der Anfragen konnten Schicksale geklärt werden. Zwischen 1945 und 1950 erreichten den DRK-Suchdienst 14 Millionen Anfragen.