Komplett verkabelt

Was tun, wenn man nachts schlecht schläft und tagsüber ständig erschöpft ist? Ein Besuch im Kieler Schlaflabor gibt Aufschluss, wie am UKSH Patienten mit Schlafstörungen behandelt werden.

Kiel. Was passiert im Körper, wenn man schläft? „Schlaf ist ein Zustand, bei dem sich das Gehirn quasi von der Außenwelt abkoppelt“, erläutert Göder. Es werden weniger Reize wahrgenommen, der Körper regeneriert sich. Es gehe allerdings nicht nur darum, Energie zu sparen – vielmehr leiste das Gehirn auch nachts eine Menge: „Im Schlaf werden Gedächtnisinhalte verfestigt, Gedanken neu geordnet und emotionale Eindrücke verarbeitet. Und auch die Stärkung des Immunsystems findet im Schlaf statt.“

Geringe Muskelspannung sorgt für Atempausen

Apropos: Zunächst einmal mache eine Infektion mit einem Virus eher müde. „Dazu schüttet der Körper Zytokine aus, die für einen besseren Schlaf sorgen“, so Göder. Ob das aktuell grassierende Corona- Virus die Schlafzentren im Gehirn direkt beeinflusst, sei noch nicht klar. Allerdings wurde es bereits im Gehirn nachgewiesen, kann dort etwa Geruchs- und Geschmacksinn beeinträchtigen.

Schlechter Schlaf wird oft durch körperliche und psychische Belastungen verursacht. Bei Atempausen während des Schlafs, der „Schlaf- Apnoe“, verhindert eine Muskelschwäche im Rachenraum, dass Luft in die Lunge geatmet werden kann. „Das hängt eng mit körperlichem Übergewicht zusammen, wenn die Muskeln verfettet sind“, sagt der Schlaf-Experte. Erst nach einigen Sekunden bemerkt das Gehirn den Sauerstoffmangel, der Betroffene wird kurz wach. Der Vorgang wiederholt sich vielfach pro Nacht.

Gestörter Schlaf kann eine Depression verursachen

Andersherum sorgen Schlafstörungen ihrerseits für teils schwerwiegende Krankheiten. Etwa einen höheren Blutdruck, aus dem sich ein größeres Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall ergibt. Die Erschöpftheit, die schlechter Schlaf mit sich bringt, kann den berüchtigten Sekundenschlaf am Steuer verursachen. Auch die Seele nimmt Schaden – Niedergeschlagenheit und Stimmungstiefs sind nur der Anfang, so der Experte: „Wer jahrelang eine Schlafstörung unbehandelt erträgt, hat ein deutlich höheres Risiko, auch an einer Depression zu erkranken.“

Das Schlaflabor auf dem Campus des Kieler Universitätsklnikums. Foto: Nortex

Um den Betroffenen zu helfen, gibt es das Schlaflabor. Während einfache Schlafprobleme von Hausärzten oder in der Schlafambulanz in Kiel behandelt werden, untersuchen die Experten hier komplexere Fälle, bei denen etwa Lungenerkrankungen, Bewegungsauffälligkeiten im Schlaf oder Tagesschläfrigkeit hinzukommen. „Hier wollen wir herausfinden, warum jemand nicht gut schlafen kann“, erklärt Göder, „und machen uns Gedanken, wie sich sein Schlaf verbessern lässt.“

„Hier trägt niemand Stöckelschuhe!“

Fast 2000 Untersuchungen im Jahr finden statt, in dieser Zeit werden rund 1000 Patienten betreut. Dafür stehen elf Betten bereit. Die Fenster sind effektiv schallgedämmt – vom Alltagslärm rund um die Klinik ist kaum etwas zu hören. Rollläden halten das Sonnenlicht bei Bedarf draußen, um auch tagsüber zu messen. Das Personal verhält sich leise – „hier trägt niemand Stöckelschuhe“, schmunzelt der Psychiater.

Kommt ein neuer Patient, wird zunächst alles erklärt, um Ängste zu nehmen. Schritt für Schritt werden dann Sensoren am Kopf, unter der Nase, am Kinn und an der Hand befestigt, die die Hirnströme, Augenbewegungen, den Atemfluss und vieles mehr messen. Eine Infrarot- Kamera zeichnet die zwei Nächte, die man hier verbringt, minutiös auf.

Eine Infrarotkamera zeichnet den Schlaf des Patienten auf. Foto: Nortex

Entspannen lernen in der Schlafschule

Aber so verkabelt einschlafen? „Das können sich viele Patienten erst einmal gar nicht vorstellen, deswegen ist die erste Nacht hier zum Eingewöhnen. Meist geht es dann doch – und in der zweiten Nacht messen oder therapieren wir dann“, erläutert der Schlafmediziner. Beispielsweise die eher bei Männern verbreitete Atempause während des Schlafens. „Das behandeln wir mit Beatmungsgeräten, die Luft durch die Nase pusten und damit die Atemwege aufdrücken. Das funktioniert sehr gut“, beschreibt der Mediziner.

In der Zentrale werden die Patienten rund um die Uhr beobachtet. Das Team des Schlaflabors erstellt im Anschluss einen Befund, nach dem der Hausarzt sich richten kann. Je nach Ursache gibt es verschiedene Behandlungsmöglichkeiten, so Göder: „Wir geben Verhaltenstipps oder schlagen eine Therapie vor. Und manchmal empfehlen wir, eine Schlafschule zu besuchen, in der man etwa lernt, sich vor dem Einschlafen zu entspannen.“