„Besinnung auf das Wesentliche“

Was bewegt den Wäsche-Markenhersteller Mey in diesen Zeiten? Interview mit Geschäftsführer Matthias Mey

Albstadt. Im Interview schildert Matthias Mey, Geschäftsführer des Markenwäsche- Herstellers Mey aus Baden-Württemberg, wie er die heiße Phase der Pandemie erlebte, welche Folgen er erwartet und welche Modeund Konsumtrends sich daraus ergeben könnten. Dazu verrät er seinen persönlichen Favoriten aus der Mey-Kollektion.

Herr Mey, was macht die aktuelle Damenwäsche-Kollektion von Mey aus?

Matthias Mey: Die eigene Individualität steht im Fokus. Die Grenzen zwischen klassischer Nachtwäsche, kuscheliger Loungewear und modischer Oberbekleidung verschwimmen immer mehr; und so auch die Ansprüche der Trägerin, die ihren Modestil auf das persönliche Empfinden und die eigenen Bedürfnisse abstimmt. Es geht um Reflektion, um Besinnung auf das Wesentliche.

Hauptsache gute Laune! Dieses Mey-Dessous sorgt auch in der Produktion für einen lustigen Moment. Foto: Mey

Und welche Trends erwarten uns 2021 „untendrunter“?

Fröhliche Farben, exotische Designs und hochwertige Materialien! Alles gemeinsam soll gute Laune und pure Freude am Leben vermitteln. Das Motto „Sense and Sensibility“, Gefühl und Empfindsamkeit, umschreibt unsere Kollektion – und spiegelt die Gemütsverfassung wider, in der sich viele Menschen aktuell befinden: Die Gesellschaft ist weltweit bestimmt und reglementiert durch die Coronakrise. Neben dem Wunsch nach Sicherheit und Normalität hat der Lockdown dazu geführt, dass die Gesellschaft sich mehr mit den Folgen für unsere Umwelt auseinandersetzt. Nachhaltigkeit und Langlebigkeit gewinnen so weiter an Bedeutung. Wäsche kommt unserer Haut am nächsten.

Verarbeiten Hersteller wie Mey besonders hautfreundliche Stoffe?

Natürlichkeit spielt auch beim Material eine große Rolle: Bei Mey kommen ausgewählte, hochwertige Stoffe wie Baumwolle, Modal, Viskose, Seide und Wolle zum Einsatz. Wir legen verstärkt Wert auf Stoffe aus der eigenen Strickerei in Deutschland und setzt zu einem großen Teil auf nationale Produktion. Die Qualität steht dabei im Vordergrund.

Dezent und funktional: Das „Drunterhemd“ von Mey ist atmungsaktiv
und unter einem Businesshemd kaum zu bemerken. Foto: Mey

Welches Mey-Produkt ist Ihr Favorit – und warum?

Das ist unser „Drunterhemd“. Die Idee dazu entstand bei einem Abendessen mit einem Geschäftsfreund. Er meinte, es würde ihn stören, dass sich bei einem weißen Businesshemd das Unterhemd abzeichnet. Außerdem würde er im Sommer stark schwitzen. Somit haben wir das Mey „Drunterhemd“ entwickelt: Die Einsätze unter dem Arm sorgen für eine gute Thermoregulierung, Atmungsaktivität und sehr gute Feuchtigkeitsaufnahme. Das „Drunterhemd“ gibt es auch in „Light Skin“ – das haben wir uns bei den Frauen abgeguckt: Sie tragen hautfarbene Slips unter weißen Hosen. Also gibt es auch das „Drunterhemd“ in Hauttönen, um es unsichtbar zu machen. Ist zwar nicht besonders sexy, aber sehr wirksam.

Sie sprachen die Pandemie an – wie erlebt Ihr Unternehmen diese Zeiten?

Für mich persönlich waren es wohl die schlimmsten Wochen in meinem Berufsleben. Zum Nachdenken blieb allerdings nicht viel Zeit. Ich wechselte sofort in einen Art Notfallmodus und habe eigentlich nur noch „funktioniert“. Es galt, schnell die wichtigsten Entscheidungen zu treffen und Weichen zu stellen. Weil sich die Anfragen von medizinischen Einrichtungen derart häuften, entschlossen wir uns, in die Fertigung von Mund- und Nasenschutz einzusteigen.

Maskenproduktion im April:
Geschäftsführer Matthias Mey. Foto: Mey

Mit dem „Cocooning-Effekt“ stieg die Nachfrage

Dafür mussten wir eine komplett neue Produktionsstraße aufbauen, was uns innerhalb von drei Tagen gelang; dann wurde ein Großteil der Produktion darauf umgestellt. Ab Mitte April stellten wir dann eine vermehrte Nachfrage nach Loungewear und Nachtwäsche fest. Ursache ist der „Cocooning-Effekt“: Die Leute waren gezwungen, mehr Zeit zuhause zu verbringen und beschäftigten sich deshalb automatisch mit dem eigenen Kleiderschrank und der Auswahl an Loungewear.

Welche Entwicklung erwarten Sie für die Zukunft?

Wir blicken mit großen Respekt auf die zweite Jahreshälfte. Gewisse Effekte im Loungewear- und Nachtwäschebereich mögen vorgezogen gewesen sein. Was uns zunehmend beschäftigt, ist die Frage des Konsumverhaltens. Es wäre wünschenswert, dass die Menschen bewusster konsumieren, also weniger, aber dafür gezielter und qualitativ hochwertiger. Würde sich dieser Trend in Zukunft abzeichnen, dann würden wir als Marke davon sicher profitieren. Aber bleibt der Trend zum „Billigkonsum“ weiterhin auf dem Vormarsch, dann wird es auch unser Unternehmen spürbar treffen.

Attraktive Dessous von Mey: Lebhafte Farben und Schnitte machen die Kollektion 2020/2021 aus – der Pandemie zum Trotz. Foto: Mey

Welche Bedeutung hat der Facheinzelhandel in dieser Situation für Mey?

In der Dessous- und Wäschebranche suchen Frauen gezielt nach persönlicher Beratung. Dessous und Wäsche bleiben sehr persönliche und intime Produkte. Gerade hier spielt die Größen- und Passformberatung eine sehr große Rolle. Der Facheinzelhandel wie etwa Nortex bildet durch seine kompetente und individuelle Beratung eine entscheidende Alternative zu Großflächen und dem Onlinehandel.

Mey produziert in Deutschland und an zwei Standorten in Europa. Wie wirkt sich das auf die Wettbewerbsfähigkeit aus?

Unser deutscher Produktionsstandort liegt in Albstadt, dort ist auch unsere Firmenzentrale. In Portugal und Ungarn befindet sich jeweils ein Konfektionsbetrieb. In der Summe sind die Lohnkosten in Deutschland im Vergleich zu asiatischen Ländern zirka 12 bis 14 Mal höher: Das bedeutet für uns in gewisser Weise einen Margenverzicht, im globalen Wettbewerb stehen wir stark unter Preisdruck. Bisher schätzen unsere Kunden den hohen Qualitätsstandard und sind noch bereit, für Mey-Produkte etwas mehr zu bezahlen. Dieser Mehrpreis ist einer Vielzahl von Faktoren geschuldet: So stammen Design und Logistik komplett aus Deutschland, die Stoffherstellung ist zu 85 Prozent hier angesiedelt, ebenso der Zuschnitt. Die Arbeit in der Näherei wird zu knapp einem Drittel in Deutschland erledigt.

Noch ist das Lieferketten- Gesetz nicht beschlossen – was erwarten Sie davon?

Wir begrüßen es, dass die Bundesregierung Initiativen unterstützt und vorantreibt, die für mehr Transparenz in der Herstellung von Textilien und Bekleidung sorgen. Am Ende ist jedoch die Frage – ähnlich wie bei der Thematik des „Grünen Knopfs“– inwiefern das Lieferkettengesetz uns noch zusätzlich finanziell belastet. In Deutschland und Europa gelten ohnehin schon strengste gesetzliche Vorgaben. Deshalb drängt sich die Frage auf, warum hier überhaupt noch zusätzliche Zertifizierungen und Siegel notwendig sein sollen: Knapp 90 Prozent unserer Lieferanten haben Ihren Sitz in Europa – und wir tun unser Möglichstes, um auch hier nur die zuverlässigsten Partner auszuwählen.